Donnerstag, 15. Juli 2004

Ergüsse, die die Welt nicht braucht

"Guten Tag. Mein Lieblingsfilm ist Alien. Sicherlich stimmen Sie mir zu, daß dieser Film nur eines will: auf die Bühne! Er muß es tun und deshalb habe ich ihn als Stück umgeschrieben. Bitte teilen Sie mir mit, wann er Premiere hat. Gerne schlage ich Ihnen auch einen Bühnenbildner vor."

So ähnlich fingen die Anschreiben an, die jenen brüllend komischen Abend "Stücke, die die Welt nicht braucht" einleiteten. Weiter ging es über einen alten Studienrat, dessen 20jährige Forschung als Ergebnis etwas hervorbrachte, welches er der Welt nicht vorenthalten darf: nämlich die Fortsetzung von Goethes Faust 2. Teil! Wo er sich doch schon immer darüber geärgert hat, daß Faust 2 eben kein Ende hat. Oder die sterbenslangweiligen Diskussionen zwischen zwei Wissenschaftlern über gentechnische Phänomene, über ein Reagenzglas gebäugt. Oder die herzblutenden Ergüsse einer Ersemesterin, die in einem Stück über zwei Liebende auf einer einsamen Insel schon im Anschreiben autobiographisch-methaphorische Parallelen gesteht, darin ihre gescheiterte Beziehung verarbeitet zu haben.

Und dann war da noch dieses unaufgefordert eingesandte Stück über eine alte Dame, die ein Einweckglas aufbewahrt. Und ihren jungen Untermieter, der das bestens gehütete Glas entdeckt und in ihrer Abwesenheit näher erforscht und dabei auf den Teppich fallenläßt. Der sie fragt wessen Asche das sei und sich schämt, heimlich zu versucht haben es herauszubekommen. Der dann von ihr erfährt, es sei Hitlers Kot und ihre Geschichte wie sie daran gekommen ist. Natürlich verlieben sich beide "und jetzt mögen Sie denken, daß es an Harold and Maude erinnert" schreibt der Autor "und dann muß ich gestehen, Sie haben recht."

Und die Welt atmet auf, daß jenes Stück dort landete wo es hingehört: so wenn nicht im Klo, so doch im Schredder, ein phantastisches Utensil.

Wenn ich dann ein paar Tage später in der Bahnhofsbuchhandlung jenen Klappentext lese, dann mag ich laut rufen nach Spenden an den Ullstein-Verlag sich ein ebensolch nützliches Gerät zuzulegen.

"Das kleine Busenwunder" von Tina Grube zeigt auf dem Titel eine appetitlich aufgeschnittene Blutorange. Die Rückseite verspricht:
"Die muntere Vesuvia ist ein weiblicher Busen! An der Seite ihrer frivolen Zwillingsschwester Etna wächst sie heran und macht die Erfahrung, daß selbst ein Busen hysterisch werden kann. Doch die sensible Schöne lernt auch, die prickelnden Momente des Lebens lustvoll zu geniessen. Denn Vesuvia verliebt sich - in eine herrliche Männerbrust."

Madonna und Küsse unter Frauen

Madonna heißt in Wirklichkeit nicht wie eine Popikone, aber wie eine ebenso bekannte andere stimmgewaltige Ikone und fällt alleine damit schon aus jedem rahmen. Und das mit genuß. Sie gibt gerne die Veronika Ferres und Karla Kolumna ihres Örtchens gleichzeitig - Karla Kolumna ist allen Benjamin Blümchen-Hörern sicherlich noch ein Begriff - das heißt: vor ihrer heißblütigen Neugier ist keiner sicher. Sie weiß wo die Storys liegen zwischen Dorfpolitik in Kneipen und Skandalen in örtlichen Kunstgalerien. Sie schürzt ihre Lippen, die sie selbst mindestens ebenso toll findet wie ihre ganze Fülle, hört nicht auf immer lauter zu werden bis ihr auch der letzte Partygast zuhört und lutscht mitten im Satz als gäbe es nichts wichtigeres zu tun effekt- und geräuschvoll ab nachdem sie sich eine Erdbeere einverleibt hat als sei es ein wichtiges Körperteil des Geliebten oder als ginge es darum einen neuen Lippenstift für Dior zu verkaufen. Leider verpasst sie dabei, daß Dior wohl nie Veronika Ferres buchen würde. Sie flüstert mit alkoholisiertem Blicke mit dem hochrangigen Provinzpolitiker rechts neben sich, trompetet Andeutungen von privaten Infos, die nur sie hat in die Runde und ist ganz bestimmt davon überzeugt nur zu flüstern. Entwirft gemeinsam mit dem schnautzbärtigen Vize für die Gastgeberin eine Kontaktanzeige, ob sie das will oder nicht, leckt sich nocheinmal geräuschvoll die Finger ab, verbunden mit einem gespielten "Huch" über das obszöne Geräusch, das ihren Lippen dabei entweicht. "Weißt du, Madonna mußte ich einladen" höre ich im Vorbeigehen im Wohnzimmer die Gastgeberin im Dunkeln zu jemand sagen. Sie lacht, gottseidank. Viele Drinks und noch glasigere Augen später ereifern sich zwei Schnäuzer darüber wie unspektakulär doch "Britney Schpiers oder wie sie heißt" Kuß auf Madonnas Mund war, das sei doch höchstens was für das prüde Amerika, aber hier, wo sie doch alle so tolerant sind, wo doch gerade der andere linke Sitznachbar gerade seinen Freund geheiratet hat letzte Woche, er kenne das ja bestimmt, nicht wahr? Madonna betatscht derweil ihre Freundin - beste Freundin oder Feindin, wer weiß das schon - rückt lasziv flüsternd an ihr Ohr, hält sich an ihrer Schulter fest um nicht von der bank zu kippen. Lacht laut nicht ohne sich vorher ihres Publikums zu versichern und küßt dann - schließlich läßt sie sich ja von den schnautzbärtigen Herren nicht zweimal bitten - ihre Freundin auf den Mund unter auf- und direkt wieder abschwellendem Gejohle der anderen Gäste auf der bank gegenüber. Die so Überrumpelte wischt sich ebenso theatralisch danach mit der hand über den Mund, schluckt das "Bäh" wieder runter, welches vorzüglich als Schluß dieses Minidramas gepaßt hätte, schließlich erntete sie ja ein verschwörerisches Grinsen ihres schwulen Freundes gegenüber. Madonna läßt nicht locker, versucht noch zweimal einen "richtigen" Kuß. Als das auf wenig Gegenliebe stößt und alle lachen, setzt Madonna sich zwischen die beiden Schnäuzer, die sie stets und ganz bewußt "auch wenn ich zuviel getrunken habe" siezt und erzählt sie sei ja ohnehin gerade total verliebt. Frisch verliebt. In ihren Cousin.

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