Samstag, 23. Juli 2005

Männer die reden können

Unglaublich wie Offenheit Offenheit provoziert. Wie ich zum Spiegel werde.

Wie problemlos all das aus mir heraussprudelt und das obwohl ich euch beide bisher nur per Mail kannte. Wie angenehm euere Gesellschaft ist, wie tief und leicht diese ganz persönlichen Gespräche sind und wie sehr du mich trafst mit einer Äußerung. Wie groß das Verständnis.

Wie leicht zu wissen es geht auch anders. Ich kann auch anders.

Bei mir funktioniert das nicht nur verbal, auch körperlich: je offener mir jemand begegnen kann umso spielerischer kann auch ich das. Die Balance zu finden zwischen eben NICHT alles zerreden müssen und doch Wünsche äußern.

Veränderungen passieren nur, wenn man sie verbalisiert. Klar und deutlich. Mit allem Mut, mit allen Gefahren abgewiesen zu werden. Mit allen Chancen die Angst vor der Verwirklichung seiner Träume zu verlieren. Träume die nur knapp unter der Oberfläche lauern und nur einmal gebeten werden wollen sich zu entkleiden. Nur einmal.

Der gestrige Tag so typisch für mich mit verpasster Bahn und verpasstem ersten Workshop - heute nachgeholt - war reich. Erfahrungen, Gedanken, Begegnungen. Mein Gefühl so wenn nicht außen, so doch am Rande zu sein klopfte nur wenige Male an. Ja, ich kannte niemand und möglicherweise werde ich auch keine bleibenden Kontakte mitnehmen - diese Erwartung habe ich schon lange nicht mehr an derlei Workshops, wo man sich trifft und in diesem begrenzten Rahmen Erlebnisse teilt, die Alltag selten überstehen. Doch mitnehmen werde ich den Impuls mit Maats, den ich ab sofort in Anlehnung an ein Jugendbuch was ich liebte so nennen werde und seiner Freundin Carina zu reden, nicht nur zu mailen. Reden. Darüber was ich mir wünsche - in der Hoffnung es ist möglich.

Der nächste Workshop beginnt. Bald mehr, denn auch hier möchte ich in Zukunft weniger kryptisch werden.

Männer die nicht reden können

Und doch fing es schon vor meiner Abreise an. Ich habe meinem Mitbewohner einen Brief geschrieben, ihm beschrieben, was seine Art, sein furchtbares eiskaltes Schweigen miteinander macht, dass ich davor kapituliere wie er mir nur noch via Zettel kommuniziert. Wie er mir durch unwürdige Gesten zeigt wie schlampig ich sei. Wie er von mir - nicht aber von dem anderen Mitbewohner Belege fordert für die Telefonrechnung. Wie - diese Liste liesse sich endlos fortsetzen ...

Dass ich es leid bin sein Sündenbock zu sein, schreibe ich. Dass sein kalter Krieg gegen mich nicht nur mir sondern auch dem anderen Mitbewohner die Stimmung vermießt und jener diese meine Wahrnehmung auch bestätigt sieht.

Und: ich habe ihm diesen Brief entgegen meiner sonstigen Gewohnheit tatsächlich vor die Tür gelegt. Mit der Bitte, wenn er auch damit nicht klarkommt mir ein letztes Schreiben zu schreiben: die Kündigung.

Als ich den letzten Satz dieses Briefes schreiben wollte, klopft er an, ich bin überrascht - um mir nocheinmal den Zettel, den ich bewußt vor meiner Tür liegen gelassen hatte, auszuhändigen, mit der Bitte ihm als Hauptmieter, nunmehr, nachdem ich seit 10 Monaten hier wohne, eine angeblich beim Einzug vereinbarte Kaution zu zahlen. Dieser zettel, der mich so unglaublich geärgert hat, das ich dem Luft gemacht hatte kurz zuvor - in der Küche - bei meinem anderen Mitbewohner. Mir wird bewußt, dass er diese möglicherweise mitgehört haben könnte. Na und? Letztendlich ist dieser Brief an ihn ganz ruhig. Letztendlich habe ich auch zu H. gesagt, dass ich mir Sorgen mache und er sich nicht darüber bewußt ist, dass ich - komme ich so gar nicht an jemanden ran - mich auch nicht darum schere sollte er irgendwann mal tot in seinem Zimmer liegen. Was ich ein bischen befürchte, denn ich fragte mich ernsthaft ob er Depressionen hat.

Ich sage ganz ruhig zu ihm: " Ich habe dir gerade einen Brief geschrieben. Doch Ich glaube es wäre besser wenn wir mal miteinander reden. " "Nein." sagt er - und "Ich hatte einen Todesfall." Ich schaue ihn an, frage: "Darf ich fragen, wer gestorben ist?" "Nein" sagt er im Rumdrehen und geht raus.

Ein bischen erleichtert bin ich. Offenbar ist seine gesamte Stimmung nicht ausschließlich durch meine Fehler resultierend.

Trotzdem fühle ich mich unglaublich schlecht. Heule. Und bin gespannt, was ich vorfinden werde, schriftlich, vor meiner Tür, wenn ich aus Berlin zurück bin.

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