Reiche Tage machen reich - Mehr davon!
Mein Konto weist zwar nach wie vor dunkelste Stellen auf, dafür war der gestrige Tag so reich an schönen tiefen Begegnungen, da will man doch mehr davon!
Fing eigentlich schon mit dem Abend davor an, doch zu dem ganz besonderen Theaterereignis schreibe ich später noch mehr. Außerdem geht es mir immer gut wenn ich in Köln bin. Kaum bin ich wieder hier bleibt mir nichts anderes übrig als mich mit mir selber zu unterhalten, weil ja meine Mitbewohnerin keine Zeit, der andere unterwegs und Anne am Kochen ist und Mats dabei ist ganz aus meinem Leben zu verschwinden, davon zeugte die letzte unerfreuliche SMSerei.
Morgens lange schlafen im Vergleich zu den Tagen davor tat gut, auch wenn es immer äußerst unbequem ist zwischen Tisch und Wand mit dem röhrenden Kühlschrank am Ohr. Dann Frühstück mit Steffen, der noch ganz begeistert vom gestrigen Theaterevent sich überschwenglich bei mir bedankt und sich freut dass es mir wieder etwas besser geht. Ich erfreue mich am Sommer und daran, dass ich gleich nach eineinhalb Jahren Bela wiedersehen werde.
"Hey, du siehst gut aus!" sagt er und wir umarmen uns besonders herzlich. Er ist fröhlich, freundlich und auf eine ganz besondere Art und Weise charmant, so dass es logisch ist, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen. Und es sind eben doch nicht diese austauschbaren Bemerkungen, die einen das als Masche bemerken liessen; es ist einfach die positive Power eines Menschen, der sein Glück zu nehmen weiß und trotzdem weiß, dass es manchmal Unruhe braucht um weiterzukommen und beständig bestrebt ist das auch zu tun. Ich stelle fest, dass ich diese Art einfach mal ein nettes Kompliment zu machen, wenn ich etwas sehe, was ich toll finde an meinem Gegenüber aufgrund der merkwürdigen Reaktionen, ganz subtilen Reaktionen - da ein Augenbrauenhochziehen und eine ungläubige Distanz und dort eine weniger nahe Abschiedsumarmung, die mich als Zuneigungseinkäufer verdächtigt - hier im Norden nach und nach abgelegt habe und dass es mich trotzdem einfach wärmt so behandelt zu werden. Dass ich es vielleicht doch weiter probieren soll. Es ist einfacher jemandem in die Augen zu schauen von dem man weiß, dass er einen schön findet. Auch er lächelt, wie schön - die letzten Male war er in unseliger Hektik und gejagt und gequält von Liebeskummer.
In einer chicen Latte Macchiato-Location mit kaffeebraunen Ledersesseln erzähle ich in 5 min hektisch von meinen letzten unschönen Monaten und ich bemerke wie meine Stimme irgendwo im oberen Kiefer feststeckt und im selben Moment bemerkt auch er es - "Komm erst mal runter" sagt er und fasst mich am Arm und schaut mir fest in die Augen, so dass ich mich auf der Stelle in ihn verlieben würde, hätten wir das nicht schon längst mal - übrigens in beiderseitigem Abflauen erfolglos - hinter uns gebracht. "Das wichtigste ist, sich im Hier und Jetzt einen Platz zu verschaffen. Spielraum. Damit man handeln kann. Damit man nicht zu needy wirkt." Ich schaue ihn entsetzt hat. "Ja - dann kommen die Dinge von selber auf einen zu. Einfach mal sein lassen." Ich bin zutiefst getroffen von seinen Worten. Er hat sofort alles auf den Punkt gebracht. Ich bin betroffen, gerührt und erstaunt von seinen Worten. Ich weiß dass er mich schon öfter überrascht hat mit Reife und Tiefsinn, den ich ihm nicht zugetraut hätt. Ok, er ist inzwischen auch 30, aber er wirkte immer wie ein ewiger Junge, dem egal wie er sich benimmt die Herzen zufliegen, allein weil er so verdammt süß gucken kann, den richtigen Beruf hat und eben wie keiner Komplimente machen kann und macht. Fast fange ich mitten in diesem chicen Café an zu weinen. Ich krame umständlich nach einem Taschentuch "ach, mein Heuschnupfen" schicke ich meine Stimme auf Umwegen nach draußen und Bela legt den Kopf schief und seine Hand wieder auf meinen Arm. "Das macht nix. - Ich habe die letzten zwei Wochen auch oft geweint." Ich bin gerührt von seiner Offenheit, seiner Beobachtungsgabe.
"Es ist als hätten wir uns zuletzt vorige Woche gesehen, scheint mir" sage ich später kurz bevor wir uns verabschieden und er lacht nickend mit schiefgezogenem Mundwinkel.
"Nein, nein" lache ich mit "Ich habe bewußt NICHT gesagt: Du hast dich ja ÜBERHAUPT nicht verändert! Denn das stimmt NICHT!" sage ich überzeugt.
"Ja, das stimmt." sagt er. "Und weil wir ja auch direkt über Sachen reden konnten, auf die es ankommt."
"Ja, das ist schön." sag ich - und "Bis dann, viel Spaß in London!" verabschiedete ich mich erfüllt von einem schönen Gespräch Richtung Saturn neue Musik entdecken. Noch eine Stunde bis ich am Bahnhof sein muß.
Dort wartete dann schon mein Fahrer mit dem ich vorher nur kurz telefoniert hatte. Ein supernetter Typ, dem ich nach 5 Sätzen schon von meiner Jobmisere erzähle. Der mir nach 5 weiteren Minuten von seinem Coming-Out erzählt, mit 29 und wie glücklich er jetzt ist mit seinem Freund zusammenzuwohnen. Wie gut sie sich ergänzen. Wie er an seinen Redaktionsjob kam und überhaupt gewann ich da den Eindruck: das Leben kann so einfach sein. Er fuhr mich dann sogar bis vor die Haustür - im Gegensatz zu meinem Hinfahrer, das könnte man fast symbolisch deuten - mit dem ich dann noch eine unerfreuliche Diskussion hatte, der nicht nur das Fahrgeld im voraus wollte, sondern mich auch noch an einer nicht verabredeten Stelle ganz weit draußen aussteigen ließ und behauptete ich müsse ihm ja eigentlich noch dankbar sein, da er ja wegen mir einen Umweg gefahren sei, wovon ich an jener Stelle zum ersten Mal hörte. Egal, ich war doch wieder ganz froh zuhause zu sein, d.h. meine Bücher um mich zu haben und in meinem Bett schlafen zu können, aber ich mußte einfach mal wieder tanzen gehen!
Da das ja recht einfach ist, in meiner Nachbarschaft in Fußweite gibt es einige Möglichkeiten - landete ich da wo ich immer lande. Mir schien noch die Easyness von Köln ins Gesicht geschrieben zu sein, denn dieser Abend brach alle bisherigen nordischen Rekorde. Fünfmal (!!!!!) wurde ich angesprochen. Zwar dummerweise nicht von dem, mit dem ich gerne gesprochen hätte. Aber nachdem ich ja mich fast schon damit abgefunden hatte, dass man hier im Norden einfach niemanden anspricht bzw. nicht angesprochen wird, war es äußerst erheiternd die Versuche der holden Männlichkeiten zu erleben.
Zum großen Teil war es nicht das übliche Publikum, allerdings auch nicht das nach einem Sterne-Konzert erwartete interessante Publikum. Ich schaute mich um.
Den rechts neben mir in weißen Turnschuhen unter weißer Trainingshose und weißem T-Shirt mit Bündchen, geschoppt getragen schaute ich nur seitwärts an und dann so schnell wieder weg dass ich hoffte, er würde das nicht etwa als interessierten Blick mißdeuten. Aber nicht doch. Er rückte näher. Ich weg. Er beim nächsten Song wieder näher. Ich kramte in meiner Jacke, legte sie in die Nische, rückte dzau weg. Er ging was zu trinken holen, rückte nach der Rückkehr noch näher. Ich weg. Kaum hatte ich mich ganz weggedreht hämmerte ein spitzer Zeigefinger auf meine Schulter. "Ämmmmmm .... " "Ja?" "Ämmmmm ..... darf ich dich mal was fragen?" "Ja?" "Du warst doch heute auf der Ecke mit Thorsten?" fragte er und diese Frage war so offensichtlich lang und breit überlegt, dass es mir direkt Spaß machte ihn ein bischen hochzunehmen. "An welcher Ecke denn?" "Äh ... ich meine, da halt - da vorne - an der Ecke." "Hier?" "Neineinein - heute mittag - also eher so morgens - ich meine um 1????" "Tut mir leid; ich kenne keinen Thorsten" und verkniff mir mein Grinsen, ging auf die Tanzfläche und wechselte Richtung DJ.
Dort auf den Treppen prostete mir ein ziemlich hübsches Mädel zu, mit der - wenn sie nicht so furchtbar auf cool machen würde und diese ihre Coolness im möglichst einsilbigen Satzkonstruktionen bestehen würde - ich mich zu gerne flüssiger unterhalten hätte. So schielten wir uns ab und zu aus den Augenwinkeln an, lächelten - verbrachten unsere Zeit damit mit dem Fuß zu wippen und uns zwei oder drei nette Komplimente über Tanzstil und Outfit zu machen. "Coole Kette" sagte ich. Ihr Sprachstil färbte ab. "Von H&M" so sie. Und 5 min später: "Deine Schuhe - auch echt cool." "Aus Berlin" - 2 min später: "Geile Stadt".
Als sie tanzte setzte sich ein Rieße von Mann neben mich. Er wählte eine gute Ansprache. Was er gesagt hat weiß ich nicht mehr und das ist immer das beste. Einfach mal was sagen, nicht verkrampft orginell, einfach das was gerade los ist. Soweit so gut. Bis auf die Größe sah er auch ganz okay aus, zwar war die Baseballkappe für sein Alter etwas albern, aber okay. Als ich jedoch seinen vierten oder fünften Satz vernahm mußte ich an mir halten um nicht laut zu lachen. "Ich bin ja ein leidenschaftlicher Mann" pries er mir seine Vorzüge an. Die mich so genau ehrlichgesagt gar nicht interessierten. "So." sagte ich demnach nur belustigt. Was in Köln jeder verstehen würde ist im Norden hier normale Umgangsweise.
Was will ein Nordlicht eigentlich hören, wenn der Subtext in etwa lauten soll: "Lass mich hier einfach chillen und die Musik genießen und nein, ich suche JETZT GERADE keinen leidenschaftlichen Mann für diese Nacht auch wenn heute offenbar der Frühling aus allen Poren "Nimm mich!" schreit" - also der Frühling - nicht mich. Was will er hören? "Ja!" sagte er begeistert; irgendwie muß hier ein lahmes "So" auf gut friesisch wohl sowas bedeuten wie "Wow! Echt! Ich liebe leidenschaftliche Männer! Wofür setzt du dich denn leidenschaftlich ein???".
"Zum Beispiel - Fußball! Haste heute mitgekriegt?"
"Äh - was?" Irritierter Blick.
"Na, das Spiel!"
"Welches Spiel? Ich saß den ganzen Mittag im Auto. Ohne Radio."
"Oh."
"Äm - und Fußball - da bist du bei mir auch an der falschen Stelle. da hab ich keinerlei Leidenschaften für."
"Ach so - also - das Spiel ..... " und er blubberte mich zu mit Infos, die ich nicht bestellt hatte und ich seufzte mehrfach und sagte dann nochmal "Sorry, aber das ist echt was, was mich nicht interessiert" "Oh - ich habe aber auch noch andere Leidenschaften - höhö"
"Soso" lachte ich "Und die wären?"
"Also, also das eine, das sag ich dir jetzt nicht. NOCH nicht. Und ansonsten ... äh - zum Beispiel Motorrad."
Erstaunt stellte ich fest dass ich noch nicht meine Maximalzusammensackhaltung eingenommen hatte. Motorrad, oh Herr bescher mir doch bitte mal jemand der nicht alle Klischees von brustpelztragenden lederbehosten Dreitagebartträgern in sich vereinigte.
"Ach", lachte ich seufzend - auch da - nicht meine Baustelle. Gehört auch so überhaupt gar nicht zu meinen Leidenschaften."
"Ah - sondern?"
"Oh - " ich grinste - "Alles Kreative - Design. Film. Und vor allem Theater" sagte ich und war gespannt. "Oh jaaa!!! Kunst und so - das ist verdammt wichtig. Kreativi-tät. Ist verdammt wichtig. Bin ich ja auch."
"Ach ja? was machste denn?"
"Ich schreibe."
"Oh - was denn? Gedichte?" Sieh an, das hätte ich diesem Rießen gar nicht zugetraut.
"Möbel. Also Hochbetten."
"Wie? ... Ach so, du Schreinerst?"
"Ja! Leidenschaftlich!"
"Ah - arbeitest du denn eher im Ladenbau oder machst du Kleinmöbel?"
"Neeeee - ich mein, das ist nicht mein Job - das mach ich halt - wenn ich Zeit hab - also, eigentlich viel zu selten - ist aber verdammt wichtig, Kreativität."
Im Stillen überlegte ich mir: a) wo ist der Ausgang aus diesem Gespräch und b) welchen entweder extrem langweiligen oder völlig unverständlichen Job on earth gebe ich vor zu haben, wenn er mich fragt was ich mache ... ?
Ein Dank gilt dem DJ der mich dann mit einem wundervollen Set wieder erfreulicheren Beschäftigungen auf der Tanzfläche zutrieb.
Am Tresen wurde es dann bunt. "You are shwoundsdhachscfull" hustete mir ein stark betrunkener blonder kräftiger schielender Typ mit Glasbausteinbrille (wo werden die überhaupt noch hergestellt?) Reste seines Abendessens in dem bestimmt Vodka enthalten war von seinem zotteligen Bart in mein Ohr und Gesicht. "Sorry - I don't understand" sagte ich und sofort tat es mir leid ihn nicht direkt ignoriert zu haben. "You are shwoundsdhachscfull"
"Pardon me ... ?"
"You are so beautiful, Lady!"
"Thank you" sagte ich artig und bestellte mir noch ein Becks und hörte dem Typen nur noch halb zu, ich kriegte eh schon unfreiwillig zuviel von seinen alkoholischen Ausdünstungen mit als dass ich seine verbalen Ausdünstungen als überhaupt potentiell attraktiv empfunden hätte. Aber irgendwie hatte mich das Mitleid gepackt und so ein einsamer Mensch ganz fern der Heimat, der sich bei mir gerade darüber beschwerte wie wenig Menschen doch bereit wären mit ihm Englisch zu sprechen, da könnte ich doch die gute Tat des Tages vollbringen. Zum Glück erlöste mich ein weiterer Mensch links von mir. Auch er sprach mich auf Englisch an. Ich fragte mich und ihn wer denn hier einen Ausflug machen würde - und zu unserer beider Verwunderung stellten wir fest, dass alle diese englischsprachigen Typen hier heute nichts miteinander zu tun hatten . Da er der angenehmste Gesprächspartner des Abends war wechselten wir noch ein paar mehr Sätze doch da die Musik zunehmend unerträglich wurde und ich eingequetscht zwischen zwei Verehrern mit den Blicken des weißbehosten auf mir von der anderen Raumseite und meiner Müdigkeit zu kämpfen hatte und ich wegen der zunehmenden Lautstärke zunehmend weniger verstand verabschiedete ich mich dann auch wieder recht schnell und zog grinsend von dannen. Ein kurzer Blick auf jenen, mit dem ich viel lieber gesprochen hätte, der sich aber nonstop mit dem Garderobenmädchen unterhielt.
Na also, Bremen - dann besteht ja noch Hoffnung.
Und liebes Universum, bitte - das war ja schonmal ein Ansatz! Und beim nächsten Mal mir mehr Mut den anzusprechen, mit dem ich mich wirklich unterhalten will - und denjenigen, die mich ansprechen bitte etwas mehr Geist und den Alkohol wenn dann bitte gemeinsam einzunehmen. Danke.
Fing eigentlich schon mit dem Abend davor an, doch zu dem ganz besonderen Theaterereignis schreibe ich später noch mehr. Außerdem geht es mir immer gut wenn ich in Köln bin. Kaum bin ich wieder hier bleibt mir nichts anderes übrig als mich mit mir selber zu unterhalten, weil ja meine Mitbewohnerin keine Zeit, der andere unterwegs und Anne am Kochen ist und Mats dabei ist ganz aus meinem Leben zu verschwinden, davon zeugte die letzte unerfreuliche SMSerei.
Morgens lange schlafen im Vergleich zu den Tagen davor tat gut, auch wenn es immer äußerst unbequem ist zwischen Tisch und Wand mit dem röhrenden Kühlschrank am Ohr. Dann Frühstück mit Steffen, der noch ganz begeistert vom gestrigen Theaterevent sich überschwenglich bei mir bedankt und sich freut dass es mir wieder etwas besser geht. Ich erfreue mich am Sommer und daran, dass ich gleich nach eineinhalb Jahren Bela wiedersehen werde.
"Hey, du siehst gut aus!" sagt er und wir umarmen uns besonders herzlich. Er ist fröhlich, freundlich und auf eine ganz besondere Art und Weise charmant, so dass es logisch ist, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen. Und es sind eben doch nicht diese austauschbaren Bemerkungen, die einen das als Masche bemerken liessen; es ist einfach die positive Power eines Menschen, der sein Glück zu nehmen weiß und trotzdem weiß, dass es manchmal Unruhe braucht um weiterzukommen und beständig bestrebt ist das auch zu tun. Ich stelle fest, dass ich diese Art einfach mal ein nettes Kompliment zu machen, wenn ich etwas sehe, was ich toll finde an meinem Gegenüber aufgrund der merkwürdigen Reaktionen, ganz subtilen Reaktionen - da ein Augenbrauenhochziehen und eine ungläubige Distanz und dort eine weniger nahe Abschiedsumarmung, die mich als Zuneigungseinkäufer verdächtigt - hier im Norden nach und nach abgelegt habe und dass es mich trotzdem einfach wärmt so behandelt zu werden. Dass ich es vielleicht doch weiter probieren soll. Es ist einfacher jemandem in die Augen zu schauen von dem man weiß, dass er einen schön findet. Auch er lächelt, wie schön - die letzten Male war er in unseliger Hektik und gejagt und gequält von Liebeskummer.
In einer chicen Latte Macchiato-Location mit kaffeebraunen Ledersesseln erzähle ich in 5 min hektisch von meinen letzten unschönen Monaten und ich bemerke wie meine Stimme irgendwo im oberen Kiefer feststeckt und im selben Moment bemerkt auch er es - "Komm erst mal runter" sagt er und fasst mich am Arm und schaut mir fest in die Augen, so dass ich mich auf der Stelle in ihn verlieben würde, hätten wir das nicht schon längst mal - übrigens in beiderseitigem Abflauen erfolglos - hinter uns gebracht. "Das wichtigste ist, sich im Hier und Jetzt einen Platz zu verschaffen. Spielraum. Damit man handeln kann. Damit man nicht zu needy wirkt." Ich schaue ihn entsetzt hat. "Ja - dann kommen die Dinge von selber auf einen zu. Einfach mal sein lassen." Ich bin zutiefst getroffen von seinen Worten. Er hat sofort alles auf den Punkt gebracht. Ich bin betroffen, gerührt und erstaunt von seinen Worten. Ich weiß dass er mich schon öfter überrascht hat mit Reife und Tiefsinn, den ich ihm nicht zugetraut hätt. Ok, er ist inzwischen auch 30, aber er wirkte immer wie ein ewiger Junge, dem egal wie er sich benimmt die Herzen zufliegen, allein weil er so verdammt süß gucken kann, den richtigen Beruf hat und eben wie keiner Komplimente machen kann und macht. Fast fange ich mitten in diesem chicen Café an zu weinen. Ich krame umständlich nach einem Taschentuch "ach, mein Heuschnupfen" schicke ich meine Stimme auf Umwegen nach draußen und Bela legt den Kopf schief und seine Hand wieder auf meinen Arm. "Das macht nix. - Ich habe die letzten zwei Wochen auch oft geweint." Ich bin gerührt von seiner Offenheit, seiner Beobachtungsgabe.
"Es ist als hätten wir uns zuletzt vorige Woche gesehen, scheint mir" sage ich später kurz bevor wir uns verabschieden und er lacht nickend mit schiefgezogenem Mundwinkel.
"Nein, nein" lache ich mit "Ich habe bewußt NICHT gesagt: Du hast dich ja ÜBERHAUPT nicht verändert! Denn das stimmt NICHT!" sage ich überzeugt.
"Ja, das stimmt." sagt er. "Und weil wir ja auch direkt über Sachen reden konnten, auf die es ankommt."
"Ja, das ist schön." sag ich - und "Bis dann, viel Spaß in London!" verabschiedete ich mich erfüllt von einem schönen Gespräch Richtung Saturn neue Musik entdecken. Noch eine Stunde bis ich am Bahnhof sein muß.
Dort wartete dann schon mein Fahrer mit dem ich vorher nur kurz telefoniert hatte. Ein supernetter Typ, dem ich nach 5 Sätzen schon von meiner Jobmisere erzähle. Der mir nach 5 weiteren Minuten von seinem Coming-Out erzählt, mit 29 und wie glücklich er jetzt ist mit seinem Freund zusammenzuwohnen. Wie gut sie sich ergänzen. Wie er an seinen Redaktionsjob kam und überhaupt gewann ich da den Eindruck: das Leben kann so einfach sein. Er fuhr mich dann sogar bis vor die Haustür - im Gegensatz zu meinem Hinfahrer, das könnte man fast symbolisch deuten - mit dem ich dann noch eine unerfreuliche Diskussion hatte, der nicht nur das Fahrgeld im voraus wollte, sondern mich auch noch an einer nicht verabredeten Stelle ganz weit draußen aussteigen ließ und behauptete ich müsse ihm ja eigentlich noch dankbar sein, da er ja wegen mir einen Umweg gefahren sei, wovon ich an jener Stelle zum ersten Mal hörte. Egal, ich war doch wieder ganz froh zuhause zu sein, d.h. meine Bücher um mich zu haben und in meinem Bett schlafen zu können, aber ich mußte einfach mal wieder tanzen gehen!
Da das ja recht einfach ist, in meiner Nachbarschaft in Fußweite gibt es einige Möglichkeiten - landete ich da wo ich immer lande. Mir schien noch die Easyness von Köln ins Gesicht geschrieben zu sein, denn dieser Abend brach alle bisherigen nordischen Rekorde. Fünfmal (!!!!!) wurde ich angesprochen. Zwar dummerweise nicht von dem, mit dem ich gerne gesprochen hätte. Aber nachdem ich ja mich fast schon damit abgefunden hatte, dass man hier im Norden einfach niemanden anspricht bzw. nicht angesprochen wird, war es äußerst erheiternd die Versuche der holden Männlichkeiten zu erleben.
Zum großen Teil war es nicht das übliche Publikum, allerdings auch nicht das nach einem Sterne-Konzert erwartete interessante Publikum. Ich schaute mich um.
Den rechts neben mir in weißen Turnschuhen unter weißer Trainingshose und weißem T-Shirt mit Bündchen, geschoppt getragen schaute ich nur seitwärts an und dann so schnell wieder weg dass ich hoffte, er würde das nicht etwa als interessierten Blick mißdeuten. Aber nicht doch. Er rückte näher. Ich weg. Er beim nächsten Song wieder näher. Ich kramte in meiner Jacke, legte sie in die Nische, rückte dzau weg. Er ging was zu trinken holen, rückte nach der Rückkehr noch näher. Ich weg. Kaum hatte ich mich ganz weggedreht hämmerte ein spitzer Zeigefinger auf meine Schulter. "Ämmmmmm .... " "Ja?" "Ämmmmm ..... darf ich dich mal was fragen?" "Ja?" "Du warst doch heute auf der Ecke mit Thorsten?" fragte er und diese Frage war so offensichtlich lang und breit überlegt, dass es mir direkt Spaß machte ihn ein bischen hochzunehmen. "An welcher Ecke denn?" "Äh ... ich meine, da halt - da vorne - an der Ecke." "Hier?" "Neineinein - heute mittag - also eher so morgens - ich meine um 1????" "Tut mir leid; ich kenne keinen Thorsten" und verkniff mir mein Grinsen, ging auf die Tanzfläche und wechselte Richtung DJ.
Dort auf den Treppen prostete mir ein ziemlich hübsches Mädel zu, mit der - wenn sie nicht so furchtbar auf cool machen würde und diese ihre Coolness im möglichst einsilbigen Satzkonstruktionen bestehen würde - ich mich zu gerne flüssiger unterhalten hätte. So schielten wir uns ab und zu aus den Augenwinkeln an, lächelten - verbrachten unsere Zeit damit mit dem Fuß zu wippen und uns zwei oder drei nette Komplimente über Tanzstil und Outfit zu machen. "Coole Kette" sagte ich. Ihr Sprachstil färbte ab. "Von H&M" so sie. Und 5 min später: "Deine Schuhe - auch echt cool." "Aus Berlin" - 2 min später: "Geile Stadt".
Als sie tanzte setzte sich ein Rieße von Mann neben mich. Er wählte eine gute Ansprache. Was er gesagt hat weiß ich nicht mehr und das ist immer das beste. Einfach mal was sagen, nicht verkrampft orginell, einfach das was gerade los ist. Soweit so gut. Bis auf die Größe sah er auch ganz okay aus, zwar war die Baseballkappe für sein Alter etwas albern, aber okay. Als ich jedoch seinen vierten oder fünften Satz vernahm mußte ich an mir halten um nicht laut zu lachen. "Ich bin ja ein leidenschaftlicher Mann" pries er mir seine Vorzüge an. Die mich so genau ehrlichgesagt gar nicht interessierten. "So." sagte ich demnach nur belustigt. Was in Köln jeder verstehen würde ist im Norden hier normale Umgangsweise.
Was will ein Nordlicht eigentlich hören, wenn der Subtext in etwa lauten soll: "Lass mich hier einfach chillen und die Musik genießen und nein, ich suche JETZT GERADE keinen leidenschaftlichen Mann für diese Nacht auch wenn heute offenbar der Frühling aus allen Poren "Nimm mich!" schreit" - also der Frühling - nicht mich. Was will er hören? "Ja!" sagte er begeistert; irgendwie muß hier ein lahmes "So" auf gut friesisch wohl sowas bedeuten wie "Wow! Echt! Ich liebe leidenschaftliche Männer! Wofür setzt du dich denn leidenschaftlich ein???".
"Zum Beispiel - Fußball! Haste heute mitgekriegt?"
"Äh - was?" Irritierter Blick.
"Na, das Spiel!"
"Welches Spiel? Ich saß den ganzen Mittag im Auto. Ohne Radio."
"Oh."
"Äm - und Fußball - da bist du bei mir auch an der falschen Stelle. da hab ich keinerlei Leidenschaften für."
"Ach so - also - das Spiel ..... " und er blubberte mich zu mit Infos, die ich nicht bestellt hatte und ich seufzte mehrfach und sagte dann nochmal "Sorry, aber das ist echt was, was mich nicht interessiert" "Oh - ich habe aber auch noch andere Leidenschaften - höhö"
"Soso" lachte ich "Und die wären?"
"Also, also das eine, das sag ich dir jetzt nicht. NOCH nicht. Und ansonsten ... äh - zum Beispiel Motorrad."
Erstaunt stellte ich fest dass ich noch nicht meine Maximalzusammensackhaltung eingenommen hatte. Motorrad, oh Herr bescher mir doch bitte mal jemand der nicht alle Klischees von brustpelztragenden lederbehosten Dreitagebartträgern in sich vereinigte.
"Ach", lachte ich seufzend - auch da - nicht meine Baustelle. Gehört auch so überhaupt gar nicht zu meinen Leidenschaften."
"Ah - sondern?"
"Oh - " ich grinste - "Alles Kreative - Design. Film. Und vor allem Theater" sagte ich und war gespannt. "Oh jaaa!!! Kunst und so - das ist verdammt wichtig. Kreativi-tät. Ist verdammt wichtig. Bin ich ja auch."
"Ach ja? was machste denn?"
"Ich schreibe."
"Oh - was denn? Gedichte?" Sieh an, das hätte ich diesem Rießen gar nicht zugetraut.
"Möbel. Also Hochbetten."
"Wie? ... Ach so, du Schreinerst?"
"Ja! Leidenschaftlich!"
"Ah - arbeitest du denn eher im Ladenbau oder machst du Kleinmöbel?"
"Neeeee - ich mein, das ist nicht mein Job - das mach ich halt - wenn ich Zeit hab - also, eigentlich viel zu selten - ist aber verdammt wichtig, Kreativität."
Im Stillen überlegte ich mir: a) wo ist der Ausgang aus diesem Gespräch und b) welchen entweder extrem langweiligen oder völlig unverständlichen Job on earth gebe ich vor zu haben, wenn er mich fragt was ich mache ... ?
Ein Dank gilt dem DJ der mich dann mit einem wundervollen Set wieder erfreulicheren Beschäftigungen auf der Tanzfläche zutrieb.
Am Tresen wurde es dann bunt. "You are shwoundsdhachscfull" hustete mir ein stark betrunkener blonder kräftiger schielender Typ mit Glasbausteinbrille (wo werden die überhaupt noch hergestellt?) Reste seines Abendessens in dem bestimmt Vodka enthalten war von seinem zotteligen Bart in mein Ohr und Gesicht. "Sorry - I don't understand" sagte ich und sofort tat es mir leid ihn nicht direkt ignoriert zu haben. "You are shwoundsdhachscfull"
"Pardon me ... ?"
"You are so beautiful, Lady!"
"Thank you" sagte ich artig und bestellte mir noch ein Becks und hörte dem Typen nur noch halb zu, ich kriegte eh schon unfreiwillig zuviel von seinen alkoholischen Ausdünstungen mit als dass ich seine verbalen Ausdünstungen als überhaupt potentiell attraktiv empfunden hätte. Aber irgendwie hatte mich das Mitleid gepackt und so ein einsamer Mensch ganz fern der Heimat, der sich bei mir gerade darüber beschwerte wie wenig Menschen doch bereit wären mit ihm Englisch zu sprechen, da könnte ich doch die gute Tat des Tages vollbringen. Zum Glück erlöste mich ein weiterer Mensch links von mir. Auch er sprach mich auf Englisch an. Ich fragte mich und ihn wer denn hier einen Ausflug machen würde - und zu unserer beider Verwunderung stellten wir fest, dass alle diese englischsprachigen Typen hier heute nichts miteinander zu tun hatten . Da er der angenehmste Gesprächspartner des Abends war wechselten wir noch ein paar mehr Sätze doch da die Musik zunehmend unerträglich wurde und ich eingequetscht zwischen zwei Verehrern mit den Blicken des weißbehosten auf mir von der anderen Raumseite und meiner Müdigkeit zu kämpfen hatte und ich wegen der zunehmenden Lautstärke zunehmend weniger verstand verabschiedete ich mich dann auch wieder recht schnell und zog grinsend von dannen. Ein kurzer Blick auf jenen, mit dem ich viel lieber gesprochen hätte, der sich aber nonstop mit dem Garderobenmädchen unterhielt.
Na also, Bremen - dann besteht ja noch Hoffnung.
Und liebes Universum, bitte - das war ja schonmal ein Ansatz! Und beim nächsten Mal mir mehr Mut den anzusprechen, mit dem ich mich wirklich unterhalten will - und denjenigen, die mich ansprechen bitte etwas mehr Geist und den Alkohol wenn dann bitte gemeinsam einzunehmen. Danke.
Ideenjongleur - 15. Mai, 00:30



