Montag, 11. Juni 2007

DAUs

... beim Bierchentrinken mit nem ganz alten Kollegen, faktisch vier Jahre nicht gesehen, gefühlte vier Wochen - was das Ganze einfach ganz schrecklich angenehm macht, immer wieder gerne gehörte Geschichten aufwärmen. Damals arbeitete man im Kundenbetreuungsteam einer Internetkontaktplattform.

Unter den dümmsten anzunehmenden Usern gab es dann so Anfragen wie:
"Hilfe, immer wenn ich mich einlogge, kann ich mein Passowrt nicht sehen,
sondern bloß Sternchen!"

Oder noch besser: die Story erzählt vom Verdacht des Fake-Bildes.

Es kam eben vor, dass sich Userinnen (ja, meist waren das Frauenbilder) mit
fremden Federn schmückten und Promifotos statt ihre eigenen nahmen oder eben
eines von anderen Mitgliedern, welches eine best-of-version ihrer selbst seien
(dachten sie), vermutlich eher einer dreaming-of-version (dachte der Rest der
Menschheit) nahe kamen. Nun gut. Zuweilen erreichten uns dann Beschwerden von
Frauen darüber, dass eine andere IHR FOTO benutze, welche Unverschämtheit etc.
etc. oder auch von Männern, denen die Doppellung auffiel und betreffende Dame
einmal 28 und dann 35 Jahre alt war und gleichzeitig in Berlin und Zweibrücken
wohnte. Da es allerdings AUCH vorkam, dass Fake-Bezichtigungen und
Mißbrauchsanklagen ein probates Mittel für Zickenkriege waren und diese
Anklagen nicht minder häufig ebenso an den Haaren herbeigezogen waren wie
falsche Bilder, ging das Customer Care Team - also wir - in so einem Fall wie
folgt vor:

Es ging eine recht neutrale Hinweismail an beide Damen mit dem gleichen
Foto, dass die Doppelung aufgefallen sei, man doch bitte im Sinne der anderen
Mitglieder Fakes zu unterlassen (im Falle des Falles, dass die beiden Profile
aus Jux von ein und der selben Person erstellt worden sind) und das Spaß-Profil
bis zu einer Frist selbst zu löschen. Sollte das jeweils andere Profil nicht
von einem selber erstellt worden sein, möchte man hiermit darauf hinweisen,
dass offenbar jemand ein Foto ohne Erlaubnis genutzt hat und man bitte doch,
zwecks Überprüfung des Eigentums um Zusendung eines ähnlichen Fotos der Person
aus der Serie, sofern es welche gibt - oder desjenigen verwendeten Fotos mit
einem größeren Ausschnitt.

(Anmerkung: damals war es möglich entweder ein Foto einzusenden, das
Kundenbetreuungsteam scannte es dann ein und passte es auf 70x100 Pixel
Ausschnitt an - oder wer es selber konnte, mußte das Foto in digitaler Form
selbst genau auf diese Ausschnittsgröße bringen, dazu gab es mehrere
Hilfetexte.)

Aufgrund dieser Email erhielten wir eine erboste Antwort einer Userin, die
offenbar eben Opfer eines Fakes geworden war, die durch unseren Hinweis erst
entdeckte, dass da eine andere ihr Foto benutzte:

Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, im Foto könnte sie die ältere
Schwester mit mehr Gewicht und wesentlich mehr Oberweite von Sabrina Setlur
sein. Jene Dame, vermutlich türkischer Herkunft - ohne dass dies jetzt zwingend
zum Fortgang der Geschichte beitrüge - schrieb etwa - durchwoben von offensichtlichen
Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung:

"Ich weiß zwar net, was ihr damit wollt - wegen größerem Ausschnitt und so, aber
hiermit schick ich euch noch mehr Bilder von mir. Löscht die Tusse, das bin ich
net!!!" Wenn ich mich recht erinnere brachte sie noch ihren Exfreund ins Spiel,
der das auf gar keinen Fall erfahren dürfe und vielleicht stecke der ja hinter
der ganzen Sache etc. etc.

Das angehängte Foto?
Zeigte sie mit einem Shirt, welches ihre Oberweite nur unzureichend bedeckte ...

Eine Herausforderung an Kundenbetreuertexter sich stets NOCH präziser
auszudrücken.

Das ist aktive Politik

... durch eine persönliche Intervention vorerst einen Zeitungsartikel verhindern, der lokal hohe Wellen schlagen würde.

Der die Power hätte eine Lebensgrundlage eines Menschen mit einer wunderbaren Idee ins Wanken, wenn nicht zum Scheitern zu bringen. Eines Menschen, der seiner Idee tragischerweise nicht gewachsen ist. So gut sie ist. So sehr sie anderen hilft. Der mir und einigen anderen noch Geld schuldet, Umfang halber Monats"lohn", zu wenig um zu klagen, zuviel um es nicht schmerzlich zu vermissen. Der lieber so lange den Kopf in den Sand steckt bis es zu spät ist.

Wie weiter? Ich muß abwägen, reden, vielleicht auch ins Gewissen. Strategisch vorgehen. Authentische Reaktionen hinten anstellen. Mir selber nicht schaden.

Das ist Leben.

Ver(sch)wende deine Ideen

"Arbeiten muß schön sein, ich könnt stundenlang zusehn"

... zu schade, dass Schauspielschulen in der Regel nicht werben müssen.
Fiel mir gestern als Slogan ein kurz bevor ich nach fast zwei Jahren G. auf der Bühne sah.

"Melde dich, wenn du da bist", verabschiedete sie mich später als wir uns nach der Vorstellung zufällig über den Weg liefen und ich ihr vorher mein Leben der letzten zwei Jahre in drei Sätzen erzählte.

"ICH?" fragte ich, "Ich melde mich doch immer. Meld DU dich mal!" und ich hoffe es klingt nicht wie ein Vorwurf.

"Ach, du weißt doch wie das bei mir ist" sagt sie und lacht.

Nein, ich weiß es nicht. Ich habe diese Menschen noch nie verstanden, die nie aktiv werden brauchen um Kontakte zu haben. Die, mit denen "man" Kontakte pflegt. Und irgendwann ist dann dieses Gernepflegen erschöpft.

Sie fand die Idee reizend. Wie sie alle meine Ideen meistens findet.

Je t'adore oder The third way

oder wie es ist früh genug von einer bestimmt genialen Veranstaltung zu erfahren und sie doch verpassen müssen ...

"und wieso haste da nicht weitergemacht?" fragt er mich und weil ich nicht weiß, wie er zu ihm, der Berühmtheit, meinem ehemaligen Auftraggeber, steht, und weil andere, in der Verlegenheit einige Zeilen zu seiner Biographie zu schreiben, jedesmal auf sein Engagament bei dem mit dem berühmten Namen verweisen, er selber jedoch ausgesprochen selten und weil ich - dortselbigst zuletzt noch engagiert, ihn wiederum ausdrücklich nicht einladen durfte, wage ich eine diplomatische Antwort:
"ich glaube, ich war zu wenig devot genug für - diese Konstellation"
er lacht so laut und plötzlich und seine Augen die sonst immer beängstigend ernst schauen, blitzen, dass ich mutiger werde und meine "und wohl zu wenig dominant um ihm wirklich die Stirn zu bieten ..."

"Du fürchtest dich vor dem Mittelmaß, nicht?"
Ich schaue ihn irritiert an - "Irgendwie schon - nur ... "
"Nur?"
"Nur - bin ich nicht - so. So extrem."
Er grinst, dann lacht er schon wieder, weiches Frage- und pfeilspitzes Ausrufezeichen zugleich in der Stimme.
Ich lache mit. Ganz Mittelmaß.

"Doch wo Pole existieren, gibt es zwangsläufig auch ein »Dazwischen«.
Dies kann Kompromiss, Mittelmaß, Flucht und Verweigerung bedeuten.
Es kann aber ebenfalls für Ausgleich, Harmonie sowie Überraschung und Öffnung stehen."
(aus der Ankündigung zu Betwixed and Between - Tito in Indien der neuen Choreographie von Felix Ruckert.)

"Da hab ich halt verweigert."
Er guckt bloß. Seine linke Augenbraue zuckt. Er sieht gefährlich aus. Er sieht immer gefährlich aus.

Mail to

ideenjonglieren "at" web (dot) de

Also ich finde ...

 

Vor der Nase


Amelie Nothomb
Attentat

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