Freitag, 3. August 2007

wenn Synchronizitäten töten täten

In den Warteberich der Uniklinik kommt ein junge sMädchen in einem uralten grünen Rollstuhl hereingefahren. Etwa 11 oder 12 Jahre alt ist sie, hübsche blonde lange Haare und sie trägt eine Augenklappe, ist sehr fröhlich und fängt ein Gespräch mit mir an.

Dass ihr langweilig sei. Das stellt sie auf eine Weise fest wie man sagt: Heute ist schönes Wetter. Grinsend, fröhlich.

"Du bist auch schon lange hier?" frage ich sie, weil ich schon seit zweieinhalb Stunden hier rum hänge, zuerst auf die Untersuchung selber, nun auf das Ergebnis wartend.

"Oh ja, viel zu lange! Ich muss einfach gleich nach Hause!" sagt sie.

"Ach, ich hoffentlich auch bald" sage ich einsilbig entgegen meiner sonstigen Angewohnheit. Aber was sagt man zu einem Mädchen im Rollstuhl, welches vermutlich schlimmeres erlebt hat als man selber gerade und in den letzten Monaten.

"Sie wohnen hier?" fragt sie und ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass mich junge Leute sietzen, die ich duzen kann. Klar, ich könnte ihre Lehrerin sein.

"Ja, in der Nähe."
"Ah - das ist schön. Ich in Wilhelmshaven. Kennen Sie Wilhelmshaven?"
"Ja, einmal bin ich da gewesen."
"Und heute komme ich endlich nach Hause!"
"oh - ach so - dann bist du schon länger hier als ich" stelle ich trocken fest "ich bin erst seit zweieinhalb Stunden hier - für das MRT" und ich frage mich gerade, ob ich sie wohl fragen könnte, was sie hat, will ihr aber auch nicht zu nahe treten.
"Neee, ich bin seit DREI scheiß Wochen hier. Das ist eindeutig zu lange!" sagt sie, immer noch lachend.

"Du kannst nicht laufen?" frage ich mit Blick auf den Rollstuhl.
"Doch doch - aber hab Seegang - mein Gleichgewichtssinn ist noch halbseitig weg."
"Oh" - ich schlucke - in den letzten Wochen hatte ich mich verdachtsbedingt mit dem Thema Hörnervtumor befasst, Seite um Seite im Netz gelesen, immer entsetzter geworden, weil das doch alles zutrifft - und hatte ich nicht genau an der besagten Stelle in meiner Hörkurve einen Knick? Und diese Gefühllosigkeit der rechten Gesichtshälfte, die hatte ich doch schon länger, immer mal wieder ... Nicht dass ich jemals zur Hypochondrie geneigt hätte, aber es ist so dermassen beunruhigend seine SINNE nicht mehr zu hundert Prozent einsetzen zu können, und das winzige Stirnrunzeln des untersuchenden Assistenten, dem ich wahrheitsgemäß sagte, dass ich nun diesen Hörschaden seit drei Monaten habe - hatte das was zu bedeuten? Seit DREI Monaten völlig unverändert!!! Wird so ein Hörnervtumor nun wegoperiert, dann leidet immer der Gleichgewichtsnerv, der zerschnitten werden muß und nach dem Zusammensetzen einige Tage bis Monate braucht bis er wieder in Ordnung kommt und es in den ungünstigsten Fällen eben nicht wieder tut. Hat dieses Mädchen mir jetzt irgendeine höhere Macht geschickt? Ich schlucke. Ist das jetzt so ein Moment, von dem ich NACH der Diagnose sagen würde: Ja, als dieses Mädchen da vor mir saß, mit Augenklappe in seinem Rollstuhl, so rundum glücklich, da wußte ich - irgendwer hat sie mir geschickt, um zu sagen: Ja, du HAST jetzt vorher nochmal die Gelegenheit herauszufinden WIE man mit einem Hörnervtumor leben kann? Damit du siehst, dass man auch danach noch so zufrieden dreinschauen kann wie sie jetzt?
Verdammt, ich WILL nicht in so eine Szene reingeschrieben sein! Mir liegt Krankenhauskitsch nicht.

"Ich hatte einen Gehirntumor" sagt das Mädchen dann auch noch und lächelt mich an, räkelt sich etwas gelangweilt im Rollstuhl, der viel zu breit für sie ist. Einfach so. Völlig unaufgefordert.
Ich weiß daraufhin nix zu sagen, komme mir nochmal blöder vor.

"Ich hoffe, dass ich KEINEN habe, warte gerade auf das Ergebnis" käme mir etwas deplaziert vor. Vielleicht hätte ich es gesagt. Auch einfach um ihre Aussage nicht so derartig in der Luft hängen zu lassen. Klar, damit bestätige ich mal wieder, dass man mit fiesen Krankheiten nur schwer umgehen kann, nochnichtmal drüber reden. Dabei kann man doch mit mir über alles reden. Dachte ich. Also ... Dann bin ich aber einfach zu sehr mit mir selber beschäftigt. Was wenn ich nun die Gelegenheit VERPASSE mit einem Mädchen zu reden, welches einen Gehirntumor hatte? Was, wenn ich später sagen müsste, DA, DA hätte ich mir sie holen können - die Zuversicht, dass alles gut wird - ohne zu wissen, WIE gut es bei ihr ausgegangen ist - ich meine, vielleicht ist sie ja auf einem Auge blind? Oder taub auf einem Ohr?

Noch während ich mir den Kopf zerbreche was ich sagen könnte, betritt ein Mann das Wartezimmer, vermutlich ihr Vater; auch er sieht zuversichtlich aus. Im gleichen AUgenblick wo beide ein gespräch beginnen über Alltäglichkeiten werde ich aufgerufen. Die Schwingtür verpasst mir einen Klapps, ich stolpere in den Flur, ein bärtiger Mann, der sich ohne mir die Hand zu reichen als einer der Ärzte vorstellt, drückt mir um rumdrehen eine Mappe in die Hand und murmelt unfreundlich was von "alles in Ordnung", dann was unverständliches in nem halben Satz und "auf beiden Seiten nix gefunden - und tschüß" und dreht sich sofort um seine Achse und verschwindet wieder hinter der Tür hinter der er den dunklen Miniflur betreten hatte. Die Tür vor mir wie ein bedrohlicher Schatten, keine 2 cm vor meinem Gesicht und die Schwingtür schwingt auf mich zu, sie hat keinen Türgriff, das sehe ich aufgrund der Dämmerigkeit nicht und ich greife statt ins Türfutter in die Kehlung und ein Fingernagel bricht ab, ganz tief, der Schmerz zuckt bis ins Ohrläppchen. Reflexartig hebe ich doch nochmal die Hand, um das Rückschwingen der Tür abzuwehren, auch wenn ich den Finger jetzt viel lieber in den Mund stecken würde. Eine kindische Geste, ich weiß. Aber sie hilft. Ich glaube, es weiß noch keiner so recht, warum Spucke hilft. Was das für ein besonderer Saft ist. Nun. Nun weiß also auch keiner, warum in meinem Ohr ein Zug fährt oder eine Blechplättfabrik existiert.
Immerhin.
Ein Tumor ist es nicht. Aber ich bin nach wie vor sicher, dass es mechanisch bedingt ist.
Und ich schaue auf meine Hand. Da war eineinhalb Jahre ein Überbein. Ein mutierter Knochen auf dem Handrücken. Ein etwa eineinhalb Zentimeter deutlich sichtbarer Hügel. Den meine Hausärztin schon zu operieren empfahl. Der mich abgesehen von der Ästhetik meiner ansonsten durchaus ansehlichen Hand keineswegs störte. Der nach eineinhalb Jahren einfach so, als ich ihn eine ganze Weile vergessen hatte - einfach nicht mehr da war.

Eineinhalb Jahre mit dieser akustischen Einschränkung?
Schwierig bis unvorstellbar. Sie stört mich gewaltig. Sie schränkt mich ein.
Offenbar nichts was man einfach mal wegschneiden könnte.

Ich kann mich gar nicht richtig freuen. Auch wegen der Art und Weise WIE mir das Ergebnis vor die Nase geknallt wurde. Dass ich vor der Untersuchung nochnichtmal eine Sekunde mit einem Arzt sprechen konnte, der Assistent nicht gerade freundlich zu mir war, verzeihe ich ja noch - aber hätte man mir auch die Bilder in die Hand gedrückt und in nem dunklen Flur mit zu vielen Türen gesagt: "Sie haben einen Gehirntumor"?

Das Mädchen - wozu hat man mir das Mädchen geschickt?

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Also ich finde ...

 

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