Viel Freud, dear Freud

Bei meinen Eltern zu Besuch. Diese sind unterwegs. Mein zweiter Freund ist überraschend auch gekommen und flirtet mit mir, wie er es immer getan hat, auch noch lange Jahre nachdem ich mich von ihm getrennt hatte. Ich schaue in sein glattes Gesicht. Früher sah er es nicht ein, sich täglich zu rasieren, ließ sich zeitweise sogar einen Vollbart wachsen. Was mich gruselte. Es gefällt mir wie ordentlich seine Haare jetzt sind und wie leger er gekleidet ist. Dünn ist er immer noch. Sehr dünn. Und groß. Ich hatte vergessen, wie groß er ist.

Er fasst mich zuerst nur an den Schultern an, dann streicht er mit einem Finger über meine Wange und er war immer schon jemand der anderen sehr nahe kam, kommen durfte und das gefiel mir. Wie er auch seinen männlichen Freunden, seiner Exfreundin und einfach vielen Menschen um sich herum so arglos, so frei nahekommen konnte, anfassen durfte. Belustigt war ich auch schon früher irgendwie darüber, dass meine Bekannten mich dann manchmal bedauernd ansahen und meinten, dass sie es verstünden, dass es schwer ist mit so jemand zusammenzusein und dass ich doch ganz bestimmt unglaublich leiden müsse unter meiner Eifersucht.

Wir stehen im Schlafzimmer meiner Eltern, die Tagesdecke ist ordentlich über das Bett gebreitet. Und jetzt, Jahre später - denn dieser Traum spielt im absoluten Heute - tut er das, worüber wir damals so oft gesprochen haben und es nie getan haben - er wirft mich auf das Bett und wir lieben uns. Rollen übereinander. Klauen uns gegenseitig die Kleider, werfen sie Richtung Schrank, jenen rießigen Spiegelschrank. Lachen so viel dabei, dass ich ein ums andere Mal dazwischenrufe "Pst - meine Schwester!" - denn sie ist im unmittelbaren Nachbarzimmer, auch zu Besuch. Und genau diese Heimlichkeit macht es heiterer als alles mit ihm erlebte.

Ein Geräusch, was klingt als ob da ein Schlüssel im Schloß - wir beide erstarren mittendrin - es dauert ein paar Sekunden bis ich realisiere, dass - obwohl mir das Geräusch fremd ist - es tatsächlich doch die Haustüre ist, denn seit meinem Auszug gibt es eine neue Tür und dieses neue Schloß klingt anders. Meine Mutter wird gleich ihren Mantel in den Kleiderschrank hängen wie sie es immer tut - und wir liegen hier halb ausgezogen auf der zerknitterten Tagesdecke!!! Ich schaue in deine Augen, sie lachen, du platzt fast gleich vor lauter zurückgehaltenem Lachen. Würd ich am liebsten auch. Aber ich fühle mich plötzlich wie damals und versuche so leise wie möglich die Sitaution schnellstmöglichst in den Griff zu bekommen. Wo ist mein BH? Wo meine Strumpfhose und meine Hose? Ich rolle mich vom Bett, lache innerlich über die Absurdität - schließlich kann ich eigentlich auch ganz normal aufstehen - Hauptsache leise - meine Sachen einsammeln und ins Bad gehen. Er? "Geh in mein Zimmer!" befehle ich ihm im Rausschleichen und kaum bin ich im Bad, bete ich inständig, er denkt selbst daran seine Shorts unter dem Bett mitzunehmen. In dem Moment wo ich die Badezimmertür schließe, höre ich schon die Schritte meiner Mutter auf der Treppe. Wenn er es bloß bis jetzt geschafft hat in mein Zimmer zu gelangen! Ja, er ist schlagfertig - aber was fällt selbst einem wortstarken Menschen ein, der halb bekleidet gefragt wird, was er im Schlafzimmer der Eltern der Exfreundin zu suchen hat?

Im Badezimmer funktioniert das Licht nicht. Ich ziehe mich im Halbdunkeln an und sehe wie keine 50 cm von mir entfernt eine handtellergroße, behaarte Spinne scheinbar in der Luft nach oben klettert, auf ihrer selbstgesponnener Leiter. Fasziniert und angeekelt zugleich kann ich nicht wegschauen während ich mich mit dem Anziehen beeile und gleichzeitig eine Antwort auf die Frage meiner Mutter probe wieso denn ihre Tagesdecke so verknitter sei. "Ich mußte mich kurz hinlegen. Kreislaufprobleme." erzähle ich dem Spiegel. "Und weil meine Schwester ja in ihrem Bett lag ..."

Mit diesem Satz überblende zu der realen Äußerung. Meine Mutter ist erstaunt, dass sie auch da ist und wir gehen zu ihr ins Zimmer. Es ist das Zimmer wie es war als wir beide noch gemeinsam eines teilten. Rechts ihr Bett - auf dem sitzt wiederum ihr erster Freund, hellblond, ein bischen fülliger als früher. Links jenes Bett, was meines war. Dort liegt sie mit zwei kleinen Kindern, beide mit südländisch brauner Haut und schwarzen Locken, zwei Mädchen. In einer Zehntelsekunde wissen wir, dass es ihre Kinder sind. Ohne zu sprechen sagt sie uns, dass sie diese all die Jahre verborgen hatte vor uns, dass diese von ihrem ersten Freund eben sind, mit dem sie weiter zusammen sein wird. Mit dem sie noch ein viertes Kind bekommen wird. Ein viertes? Das dritte ist bereits 12 Jahre alt und sei unterwegs, sagt sie. Meine Mutter und ich schauen einfach nur. Diese Kinder sehen so überhaupt nicht aus, als dass jener blonde Mann ihr Vater sein könnte. Und überhaupt. Wie ist es ihr gelungen das so lange geheimzuhalten? Und wie hat sie die Schwangerschaften verborgen? Ich versuche Erinnerungen zu finden an Anblicke meiner Schwester, wo ich vielleicht auch nur eine Spur des Zweifels über ihre schlanke Figur gehabt hätte. Nichts. Und doch glaube ich es. Irgendwie. Schaue staunend auf diese beiden ziemlich süßen Mädchen mit den schwarzen Locken. Und verstehe dich Welt nicht mehr. Fühle mich wie in einem Theater; gespannt auf die Reaktion jener Frau, die links neben mir eine der Hauptrollen spielt. Neugierig. Abwartend. Belustigt über das Theater was dem zuvorging, die Knutscherei mit meinem Exfreund, all das absurde was hier gerade passiert.

Lachend wache ich auf.

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