Schon mal im Bordell gewesen?

Wenn ich morgen eher die gutbürgerlich-städtische Theaterseite kennenlernen werde, so will ich unbedingt beim nächsten Berlin-Besuch DAS DA sehen, denn ich liebe ansonsten verbotene Orte. Und ein echtes Bordell habe ich tatsächlich auch noch nicht von innen gesehen. Zwar eine überaus hübsche Bar in Köln in der derlei Kontakte angebahnt werden, um dann nach oben zu verschwinden. Aber meine Neugierde kitzelte mich dann doch. Zu sehen wie es da aussieht. Ob da etwas ist, etwas was spürbar anders ist. Vielleicht.

ANNETTE KUSS – FREUDENDIENSTE
am 14., 15., 21., 29. Januar 2006 und 4., 5., 11., 12., 18., 19., 25.,
26. Februar 2006 / 21:00 Uhr / IM FREUDENHAUS HASE, HOCHSTR. 45,
promisc - 22. Jan, 01:53

Warum fragen die nicht auch die Freier? Gehören die nicht zwingend dazu?

Ideenjongleur - 22. Jan, 23:09

... lass mal überlegen ... vielleicht, weil das Stück eine Frau gemacht hat und diesmal die Frauen im Mittelpunkt stehen sollen? ... vielleicht, weil Freier schon öfter belichtet und beleuchtet wurden? ... hast du das Stück gesehen? Mich würde ja neben der Möglichkeit einen ansonsten Nicht-Ort zu erkunden, vor allem interessieren inwieweit sie das vermutliche breitere Spektrum der Intentionen als Prostituierte zu arbeiten anschauen ...
promisc - 22. Jan, 23:15

Ich bin nicht gerade unbewandert in diesem Sujet - aber ich kenne nicht ein einziges Projekt, dass die Freier mit hinein ins Schiff nimmt (höchstens mal der archetypische in eine Hure verliebte Freier), aber dutzende, dass sich um die Huren und Zuhälter drehen.

Daher kann ich nur zu dem Schluss kommen: Es handelt sich einfach wieder einmal um den Ansatz "Sex (und vor allen 'zwielichter') sells" - da sind 'verstohlene', 'fettleibige', 'schmuddelige' (so sind ja die ersten Assoziationen) Freier nur Abtörner für's potentielle, anzulockende Publikum.
Ideenjongleur - 22. Jan, 23:26

... wäre es ein Musical könnte ich dem Argument der glatten Schönheit folgen die der Attraktion des Publikums dient - aber gerade heutige Theaterkonzepte sind meist sogar explizit auf Authentizität oder gar Überbetonung der ach so häßlichen Realität aus - obwohl - das "Shoppen und Ficken"-Zeitalter des Britischen neuen Überrealismus a la Trainspotting ist ja auch schon fast wieder 90er Retro ... vielleicht ist es genau das das für Männer erschreckende: der Freier scheint austauschbar (und damit höchstens als Stereotyp des "fettleibigen, schmuddeligen" uninteressant), da zu unindividuell? ...
promisc - 22. Jan, 23:40

Da machst Du es Dir argumentativ zu einfach: Zum einen fasziniert sowohl Männer als auch Frauen (und wie Du auch sagst Dich insbesondere) gerade die 'verbotene' Halbseidigkeit, das eben nicht hochglanz-erotische, sondern im Gegenteil gewaltfaszinative (den Gewaltvoyeurismus bediendende) tabubrechende Unschönheit, der dirty look wie ich es mal nennen will. Und zum anderen sind sowohl für Frauen als auch für Männer die Freier bisher das selbst in der Kunst tabuisierte, in die aussagelose Nebenrolle gedrängte - und aus diesem Grund auch das bisher nicht diffenzierte, unindividuelle.

Aber es besteht eben kein interesse, daran etwas zu ändern. Denn sie verkaufen sich schlicht und einfach nicht als Publikumsmagnet. Huren und Zuhälter allerdings tun das, hochpotent, seit jeher. Ein uraltes Sujet.
Ideenjongleur - 22. Jan, 23:57

... interessant ... zunächst mein Voyeuristisches Interesse speist sich nicht aus der Gewalt und aus der Schmuddeligkeit ... vermutlich gibt es da verschiedene Intentionen und Ursprünge der Neugierde, die doch "verdeckt doch bloß die alte Gier" ist (und mal wieder ist mir der Urheber des Zitates entfallen *lachendhüstel) - ich glaube aber auch nicht, dass das der "wahre" Grund ist die Freier bisher zu "tabuisieren" (ein Tabu wäre ja noch interessant) - womöglich werden sie gar ignoriert (fettes Fragezeichen), da *kopfeinzieh* schlicht uninteressant? Andererseits gibt es doch immer mal wieder Krimis (Tatort zB) im Fernsehen, wo die Freier eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Und: bleiben Freier (da eben in der Natur der Sache tatsächlich ausgetauscht und demnach austauschbar) nicht dadurch eben nahezu kontinuierlich in einer "Neben"Rolle, neben der Frau, der er bezahlt? Kennst du die Fotoserie von Merry Alpern "Fenster zur Wallstreet"? Ich weiß nicht wie viele es gibt, vielleicht ist es ja eine der wenigen Serien, die sich mit Freiern befassen. Auf jeden Fall eine sehr interessante Frage ...
promisc - 23. Jan, 00:10

Die Freier die ich so kenne in der medialen Darstellung stellen eigentlich immer nur Karrikaturen dar. Ich zB war auch schon bei Huren und entspreche nicht einem dieser Klischées auch nur im Ansatz ;-) Aber auch der Umgang von Hure und Freier miteinander wird meines Erachtens in keiner bisherigen Behandlung auch nur ansatzweise realistisch dargestellt - stets werden damit eigentlich nur die vorgegebenen Erwartungshaltungen des Publikums bedient, die nur das sehen wollen was sie sich schon vorher darunter vorgestellt haben.

Und die Künstler liefern ihnen genau diese Bilder.

Ich denke mal, eine Frau kann sich überhaupt nicht umfassend mit diesem Thema auseinandersetzen, da sie eigentlich immer aussen vor steht, über den Zaun schaut. Es sei denn sie ist selber Hure. Aber dann ist sie im unwahrscheinlichsten Fall auch Künstlerin.

Eine grossartige Ausnahme, die ich Dir sehr gerne ans Herz lege: Annie Sprinkle*. Bei ihr kommt auch 'der Freier' zu Wort, in vielen seiner breitgefächerten Nuancen. Möglichst life. Und Du wirst staunen. *lach*

* Google mal ;-)

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