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Die Landkarte ist nicht die Landschaft

"Über Verrücktheit zu reden, zu schreiben oder zu lesen, ist etwas ganz anderes, als sie zu produzieren und zu erleben.
Es ist die Art Unterschied, wie sie zwischen einer Speisekarte, der Zubereitung des Essens und dem Essen besteht.
Wer Kochbücher verzehrt, ist verrückt"
(Fritz B. Simon, aus dem Vorwort zu "Meine Psychose, mein Fahrrad und ich")

Ein Thema meines heutigen NLP-Seminares war eben das Bewußtmachen der Basiserkenntnis aller konstruktivistischen Denkweisen: dass ein jeder Mensch mittels Filter seine eigene Welt sich konstruiert und das Nützliche oft weniger das Bekannte ist, sondern das Neue, was man ausprobiert, wenn das alte eben nicht klappt. So weit so gut, so weit so bekannt. Theoretisch versteht sich. Denn: zum Ausprobieren und Praxis sammeln bin ich hier. Denn: gelesen hab ich viel. Zu viel?

Wie ausgetreten alte Pfade bei mir sind, wurde mir dann auch prompt bewußt als mir zu der Aussage "Die Landkarte ist nicht die Landschaft" - und mich begeistern derlei anschauliche Aussagen förmlich - das Zitat von Fritz B. Simon einfiel, was wiederum unsere Trainerin so beigeisterte, dass sie es dirket ans Flipchart mit drauf schrieb und mich fragte, von wem das nochmal sei.

Klar, ich wußte nur noch, daß der Name des Autors - und jetzt grüße ich Patrick Süßkind, der mit "Amnesia in Litteris" eine Kurzgeschichte geschrieben hat, die glatt auf mich gemünzt sein könnte - dass ich also vom Namen des Autors gerade mal wußte, dass er in der Mitte einen Buchstaben samt Punkt hatte und der Nachname ein Vorname oder der Vorname ein Nachname sein könne. Klasse. Anstatt aber zu sagen "Das weiß ich gerade nicht" holte ich in einer siebeneinhalbminigen Erklärung aus, was ich nur noch an Wissensfetzen in meinem Hirn vorfand und woran mich das alles erinnerte usw. usw. Denn: ich werde doch immer deshalb geschätzt, weil ich soviel weiß. Und natürlich weil ich soviele wichtige und bekannte und unbekannte, interessante Bücher kenne und mein Regal eigentlich immer zu klein ist.

Und gerade deshalb sagte ich noch letzte Woche zu einem Freund, dass ich doch auch gerne mal dafür geschätzt werden möchte, dass ich zB so gut lieben könnte oder sowas in der Art. Nur bedingt in sexuell-erotischem Sinne oder auch in Form von Empathie, sondern und vor allem - umgekehrt ausgedrückt - dass ich es leid bin, überwiegend für meinen Kopf und intellektuellen Kram anerkannt zu werden. Und dass ich das ganz einfach mal demnächst aktiv ändern würde. Indem ich eben im Sinne eines bewußten Selbstmarketing öfter von Herzensdingen reden will und werde. Natürlich ist das - vor allem in einer ganz neuen Gruppe - sehr ungewohnt und fordert ja auch erst mal Vertrauen. Und wo mir das Über-Gefühle-reden an sich durchaus sehr leicht fällt - mal von ein zwei, drei wirklich brisanten Themen of my soul mal abgesehen - so war das doch immer der künstlerische Kontext, der Theater/Dramakontext der mir - wie ich jetzt - wo es wirklich ausschließlich um die EIGENE Entwicklung geht - eine schöne sichere Weste bot. Um der Kunst willen, um der Darstellung willen darf ich es riskieren zB vor anderen zu weinen. Das verstehen auch die Kolleginnen und Kollegen auf und vor der Bühne um mich rum. Oder hysterisch-zickig ausflippen - was kann das SPASS machen!

Aber ich schweife ab. Dabei soll es gerade um das Verfolgen ausgetretener Pfade gehen. Pfade, die in meiner Landschaft so leicht zu betreten sind. Wie automatisch mir ein Buch einfällt zu Thema x oder y. Und wie paradoxerweise schwer es mir fällt, Zitate aus Filmen zu merken. Und wie seltsam mir dann wohl mein inneres Vorhaben NICHT mehr intelektuell sein zu wollen plötzlich diesen Autorennamen versteckt. Genau deshalb soll es wohl gut sein. Aber wieso ausgerechnet jetzt? Hey, Mr. nterbewußtsein - du bist enttarnt. Los, jetzt kannste ja rauskommen! Aber nichts dergleichen! Der Name bleibt verschwunden.

Dann soll es wohl so sein. Keine Buchhinweise mehr. Ich bin ab sofort keine wandelnde Bibliothek mehr. Das zaubert aus mir eine Intellektuelle, die nur einen kleinen Teil von mir ausmacht. Also dann mal lieber schön fein still.

Aber zugeben, GAR NICHTS zu wissen?

ICH weiß es NICHT. (Und jetzt ALLEEEE: Ich weiß es nihicht. ... okok, der Chor der Gescheiterten darf abtreten, Woody Allen sagt mit einer fahrigen Handbewegung Danke und versinkt in seinem Regiestuhl.)

Das geht ja nun auch nicht.
Das KANN ich nicht.

Ok, mein Geblubber erreicht Minute 6dreiviertel ...
Die anderen Teilnehmer schauen mich an, hören mir zu und ich höre mir dann auch mal zu.
Was erzähle ich hier eigentlich gerade?
Prima.
Wenigstens habe ich zur allgemeinen Erheiterung beigetragen.

So kann man sich auch ver(w)irren, wenn man sich in der Situation zu oft zu sehr bewußt ist, was man tut und eben nicht tut und darüber nicht mehr hört, was man sagt weil man dabei ja vergisst sich beim Denken zuzuhören. Anstatt einfach bloß - ja, genau - zu geniessen. Dass Pfade abseits der ausgetretenen meist die sind, wo es was zu lernen gibt. Bei den ausgetretenen zwar auch, aber die zu verlassen manchmal fast mühsamer sein kann als neue zu gehen. Und dabei fällt es mir doch sonst leicht auch rechts und links des Weges zu laufen. Quer zu kreuzen. Und wenn meine Landkarte mich in die Irre geführt hat in der Not sogar bereit zu sein, die Speisekarte zu verzehren. Mahlzeit allerseits.

(Und als Apetizer für tomorrow: Und dass das ein eigenes Thema ist, über das ich heute sehr viel erfahren und gelernt habe - nämlich den Unterschied zwischen Assoziieren - in der Situation drin sein - und Dissoziieren - sich selbst beim Erleben beobachten - wird eigene Zeilen wert sein.)

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