"Man muß sich auch mal irren dürfen"

als abschließendes Fazit eines Abends. Zuerst dieses Stück was sich als Verdienst einen großartigen Stückankündigungstexter auf die Stirn schreiben darf. Rest: grottig. Intensiv? Ja. Mit Geschrei und gefakten Fäkalien, die täuschend echt, aber eben nur täuschend echt stinken. Nackt muß sie natürlich auch sein, die Schauspielerin. Eine weitere Frau, auch Schauspielerin, das weiß ich, weil ich sie als solche kenne, wird auch auf die natürlich avantgardistisch nicht vorhandene Bühne geholt und einen kurzen Moment bin ich doch überrascht. Sie? Jene Ex-Kollegin, eine eher der klassischen Sorte gibt sich für so ein Stück als Publikum-wird-ins-Stück-integriert-Fake her?
Um dann nach ein paar Minuten zu erkennen, sie fakt nur ein Fake. Sie ist tatsächlich bloß als Gast hier und ob der Schauspieler, der sie mit einbezieht überhaupt weiß, dass sie auch Schaupielerin ist?

Jedenfalls: ein Irrtum soviel Geld für soviel leeres Geschrei auszugeben.
Und danach seit langem mal wieder den schmalen Grat betreten, den erschöpften Schauspielern und dem Regisseur, dem ich vorgestellt werde und der ja irgendwann mal wichtig sein könnte wegen eines Jobs, you know, zwischen der Wahrheit, nicht allzu ungeschminkt bitte und der nötigen Motivation wo schon der Applaus so dürftg war. Er ist ja schließlich kein Freund. Wie schwer es ist jemand zu sagen, der gerade stolz auf sein Tagwerk, stolz auf die Leistung seiner Schauspieler und ebenso seine Erschöpfung überspielend, dass es ein Irrtum war dahinzugehen. Oder dass der Ankündigungstext einfach genial gut war? Zum Glück: er fragt diese Frage nicht: "Wie fandest du' s?"
Ehrlichgesagt hat mich selten ein Regisseur nach einem Stück gefragt: Und, wie fandest du's? Zuviel Angst vor der Antwort, die Regisseure.

Erleichtert fahre ich zu jenem Ort weiter, wo ich tanzen werde. Wo ich weiß, ich treffe Menschen, die ich mag. Auch wenn ich sie nicht kenne, nicht gut. Ich fühle dort eine Wellenlänge. Und da ist eine Unsicherheit auf dem Fahrrad, über den Fluß, was - wenn ich dort Mats treffe? So ohne Aussprache und ohne jeglichen Kontakt seit zwei Monaten? Diese Kunst des Abschiednehmens trotz offener Fragen und trotz seiner Behauptungen, er wolle sich austauschen und dessen Worten eben keine Taten folgen.

Wie würden wir miteinander umgehen?
Mein Horoskop fällt mir ein, von wegen jemanden treffen aus der Vergangenheit, heute. Aber hab ich ja schon, Mark2, der mir heute gemailt hat und der schrieb er hätte gerade an einer Trennung zu knabbern. Wie Mark1, der mir sofort einfällt, der sich auch getrennt hat. Der mir nur schreibt, wenn er sich trennt. Also einmal in eineinhalb Jahren.

Dass ich aber dann DICH treffe, und dass mich das so gar nicht berührt, sondern ehrlich sogar nervt, damit hätte ich zunächst nicht gerechnet. Und dass mich diese Überraschung nicht trifft. Sondern dass es mir eine merkwürdige Mischung aus Genugtuung und Gleichgültigkeit verschafft zu erleben, dass die anderen MICH mögen, MICH direkt integrieren und anfangen über seine arg aufdringlichen Kontaktversuche zu lästern, läßt mich aufatmen. Nach zwei Bier traue ich mich sogar ein kleines bischen Partei zu ergreifen und mich zu erklären. "Ich weiß nicht, ob ihr das wißt" sage ich und halte mich für ganz schön mutig mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, schließlich seid ihr ja auch bloß Bekannte - und doch - ich will ehrlich sein. "Ich war mal mit ihm zusammen. Ja, der IST komisch. Nicht lange und so. Also - der kann wirklich schreiben. Sich schriftlich ausdrücken. Phantastisch. Okay, der wirkt manchmal komisch. Aber das ist deshalb und deshalb." Erschrockene Gesichter. Und doch - aufrichtiges Interesse. "Und - wie ihr seht - er hat sich mit mir ja auch keinen Kontakt mehr ausgebeten. Irgendwie tut er mir leid. Ich weiß wie es ist, geschnitten zu werden. Die kalte Schulter zu spüren." Und dann erzählst du von deinen Eindrücken und ich bin beeindruckt wie nahezu wortwörtlich du etwas fomulierst was ich erst Monate nach unseren ersten glücklichen Wochen, kurz vor dem Aus so formuliert habe. "JA! Du hast recht!" Und irgendwie tut mir das auch gerade gut, mich bestätigt zu sehen: ich dachte oft, ICH ticke nicht richtig. Ich mag es nicht, wenn man über jemanden lästert. Noch weniger, wenn dieser Jemand mein Exfreund ist. Letztendlich aber hat er das sich selber zuzuschreiben.

"Man muß sich auch mal irren dürfen" sage ich - und du lachst.
"Na klar, das hat doch jeder schonmal." sagts du. Und: "Ich bewundere deine Fairness."

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