Stationen (Traum 1)

Irgendwo in einer unbekannten rheinländischen oder westfälischen Kreisstadt wie Hamm oder Gronau. Eine dieser Städte, die außer den Bewohnern kein Mensch von innen kennt, die wenn überhaupt nur einen bedeutenden Ort ihr eigen nennen und wo sich alle, wirklich alle nötigen Geschäfte vor dem Bahnhof gruppieren. VOR ist ganz wichtig, denn dahinter verkommt nur das Rotlichtviertel in Form eines einzigen freistehenden Hauses mit der ewig gleichen Schrift in rot, den seit Jahren mit rotem Krepp lieblos abgedunkelten zwei Fenstern, wo an einem seit Jahren die gleiche Nutte mit schwarzer Perücke, neongrün geschminkten Augen und einem ebenso in die Jahre gekommenen Spitzenbustier ihren überfülligen Busen auf einer Patchworkdecke platziert hat. Einer, der man förmlich die rauchvergilbten Zähne ansieht auch wenn nur sie ihren Gesichtsausdruck für ein verführerisches Lachen hält und ein paar abgeschliffene Stummel im Mund und dass es hinter den neonorangenen Lippen nach Rot Händle schmeckt. Immer.
Entlang diesem Etablissement schiebe ich meinen überdimensional langen Einkaufswagen vorbei, eine sehr flache Rolltreppe, fast eins mit dem Boden wird mich in ein künstlich angelegtes Walfstück führen, Teil eines Schloßparkes, das Schloß mit 18 Zimmern, das ich mir anschauen will, wo ich doch schonmal hier bin – auf Zwischenstation. Der Einkaufswagen ist leer und hinderlich, es ist schwer mich dagegenzuhalten, damit er nicht mich überrollend die Rolltreppe hinunterrattert. Ich sehe mich schon wie ein Käfer auf dem Rücken liegen, von der Rolltreppenkante so hart getroffen, dass ich kaum noch atmen kann, den Einkaufswagen über mir, die Rolltreppe schiebt mich gnadenlos nach oben. Als der Wagen fast wie von selbst die Grenze Rolltreppe Waldboden passiert grinse ich innerlich über mein privates Horrorkino. Ein schwungvolles Anschieben des Wagens lässt ihn sanft einen älteren Herren an der Hüfte berühren. Er meckert völlig übertrieben über die stürmische, rücksichtslose Jugend undmir fällt auf in diesem Park wimmelt es von meckernden Alten. Nur vorne, hinter einer fast halbkugelförmigen schmuckvollen Betonbrücke, die einen nur etwa zwei Meter breiten Schlossgraben überspannt, dort im Schlossgarten spielen friedlich zwei Mädchen in langen Röcken und ein sanfter blondgelockter Junge.

Das Schloß gehört Reinhard Mey, das stand in der Zeitung, die ich im Zug gelesen hatte und er vermietet auch das ein oder andere Zimmer spontan das ein oder andere mal an Durchreisende. Er hat es kürzlich umgebaut und durch eine offenen Flügeltür fällt mein Blick in ein sehr einladendes Esszimmer. Rechts daneben ein verglaster schmaler Mauerdurchbruch, der einen Blick in das Foyer bietet. Architektonisch wunderbar schlicht, geschmackvoll und doch sehr viel lebendiger als ein Museum. Ein wohnliches blutrotes Ledersesselensemble mit einem kirschenholzenen quadratischen Massivtisch begeistern mich. Zu gerne würde ich den ganzen Rest von innen sehen, nach der Innenarchitektin fragen, denn es muß eine Frau gewesen sein, denke ich. Doch ich habe keine Zeit, schiebe meinen Wagen wieder zurück Richtung Bahnhof, mein Zug geht bald. Der bahnhof hat verschiedene Tiefebenen wie die Münchener U-Bahn erreicht man manche Ebenen nur wenn man die richtige Rolltreppe nach unten nimmt und nicht an dem Zielgeschoß einfach in die Tiefe vorbeifährt. Die Beschilderung ist schnell zu übersehen, für meine Augen zuhoch und immer um die Ecke dahin wo der Blick zuerst hinfällt. Auf Gleis 8.3 fährt mein Zug und ich eile plötzlichmit zwei schweren Taschen in der hand Stock um Stock tiefer, um die Ecke und tiefer. Ein kalter Wind pustet als ob wir eher in den Bergen wären und keinesfalls unter der Erde. Eine Fahrkarte brauche ich noch – schnell, eine Fahrkarte. Hier – ein Automat, so hoch wie er einem kleinen Kind vorkommen muß. Ich recke meinen Hals, sehe den Schlitz wo ich die Karte einführen muß. Halt – das ist ein sehr merkwürdiger Automat, dunkel, aus schwerem wie mit zu hartem Schmirgelpapier gebürstetem Eisen, wie eine Requisite aus Schöne Neue Welt. Er ist quasi ein umgekehrter Kartenautomat. Hier in diesen Schlitz schiebt man seine Fahrkarte und erhält das Geld unten im Ausgabeschacht um den Schaffner zu bezahlen. Mein Zug hält am Gleis neben mir und fährt kaum dass er angehalten hat auch schon wieder ab noch bevor ich durchschaut habe was ich tun muß um mitfahren zu dürfen und woher ich eine Karte kriege, die genau in diesen Schlitz passt um genau das Geld zu erhalten, was ich brauche um nach Hause fahren zu können. Ich fahre in dem Rolltreppenlabyrinth wieder nach oben in den kleinen Kleinstadtbahnhof um mir eine Zeitschrift zu kaufen und beschließe in aller Ruhe erst den nächsten Zug zu nehmen.

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